»Deutschland ist ein Low-Context-Land«

  • Datum 19-03-2009
  • Von Mehmet Toprak

Trotz Globalisierung und World Wide Web sind die Unterschiede zwischen Kulturen immer noch groß. Das gilt auch für E-Mails und Webseiten. Professor Alois Moosmüller erklärt, welche Rolle die kulturelle Vielfalt im internationalen Geschäftsleben spielt.

Der Münchner Professor Alois Moosmüller ist einer der Pioniere der interkulturellen Forschung in Deutschland. Die Disziplin, die ursprünglich an US-amerikanischen Universitäten eingeführt wurde, ist erst seit den 90er Jahren in Deutschland präsent.

Seit 1997 hat Moosmüller eine Professur für interkulturelle Kommunikation an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität inne. Der Studiengang, der früher gerne einmal mit Völkerkunde verwechselt wurde, beschäftigt sich auch intensiv mit den kulturellen Unterschieden bei der digitalen Kommunikation. Denn Webseiten oder E-Mails können nur erfolgreich sein, wenn sie auf die kulturellen Gepflogenheiten des Empfängers Rücksicht nehmen.

Im Interview spricht Moosmüller über internationale E-Mail-Sitten, das Design von Webseiten und die Nachteile von Videoconferencing.

Die Wirtschaft im Zeitalter von Internet, E-Mail und Business-Englisch wird immer globaler und internationaler. Spielen da kulturelle Unterschiede überhaupt noch eine Rolle?
Ja, sicher. Je globaler desto wichtiger auch das Lokale. Wenn im Großen Einheit herrscht, dann wollen die Menschen im Kleinen Unterschiede und das gilt auch für Unternehmen.

Die großen Städte und Länder der Welt konkurrieren miteinander um hochqualifizierte Arbeitskräfte. Dabei sollten doch unterschiedliche Kulturen nicht wichtig sein.
Ganz im Gegenteil. Kulturelle Differenz ist im Wirtschaftsleben eine Notwendigkeit, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Internationale Berater haben Bewertungsskalen entwickelt, um die Attraktivität der Städte zu messen und zu vergleichen. Dabei spielt die Toleranz gegenüber kultureller Vielfalt eine herausragende Rolle.

E-Mails werden häufig schnell und flüchtig geschrieben? Gibt es Unterschiede zwischen den Ländern?
In den verschiedenen Ländern scheinen sich recht unterschiedliche E-Mail-Gepflogenheiten herausgebildet zu haben, was eigentlich erstaunlich ist, weil der internationale Verkehr ja doch einen recht großen Teil ausmacht. Zum Beispiel wäre zu erwarten, dass sich im internationalen Verkehr eher die amerikanischen E-Mail-Standards durchsetzen, also die schnörkellos direkte Anrede mit dem Vornamen, ohne »Lieber« oder »Hallo«, ohne einleitende Floskeln, kurz und direkt. Sie nutzen damit die dem Medium inhärente Geschwindigkeit auch im Schreibstil so gut wie möglich.

Und die Deutschen?
Deutsche Geschäftsleute, die international ja eigentlich gerade für ihre sehr direkte Art der Kommunikation bekannt sind, ziehen es in E-Mails vor, etwas ausschweifender und höflicher zu formulieren.
Japanische »sarariman« (salarymen) finden es selbstverständlich, eine Mail erst mit ein, zwei Sätzen zu beginnen, die sich nach dem Befinden des Partners erkundigen oder einen Dank für eine früher erfahrene Zuwendung auszudrücken.






»Kulturelle Differenz verschafft Wettbewerbsvorteile Kulturforscher Alois Moosmüller von der Uni München










Bei so unterschiedlichen Sitten tritt man sicher leicht ins Fettnäpfchen ...
Es ist gut, solche Gepflogenheiten zu kennen. Dennoch glaube ich, dass es nicht so schlimm ist, »Fehler« zu machen. Entscheidend ist, eine gewisse Sensibilität und Lernfähigkeit mitzubringen, die es einem ermöglicht, den Stil zu ändern. Besonders interessant ist es, wenn im internationalen E-Mail-Verkehr neue, sozusagen hybride Gepflogenheiten, kreiert werden.

Hybrid? Können Sie ein Beispiel geben?
Wenn ein Amerikaner eine E-Mail mit schnörkelloser direkter Anrede beginnt, aber sich in den ersten zwei Sätzen erst mal nach dem Befinden des Empfängers erkundigt.

Viele Unternehmen präsentieren sich auch im Ausland auf einer Webseite. Wie findet man heraus, worauf man in einem Land zu achten hat?
Die Nutzer in den jeweiligen Ländern sind bestimmtes Design gewohnt und insofern ist eine landesspezifische Anpassung von Vorteil. Die lässt man am besten von einer lokalen Agentur vornehmen. Es gibt natürlich auch Bereiche, in denen gerade eine gewisse Fremdheit und Exotik gewünscht wird.

Vor zehn Jahren war es ja üblich, sich in allem möglichst perfekt an lokale Gepflogenheiten anzupassen, das wird heute durchaus differenzierter gesehen. Wer sich ein Bild über kulturelle Eigenarten in bestimmten Ländern und Regionen machen will, nimmt am besten einen der vielen »How to ..«-Kulturführer zur Hand. Die erklären einfach verständlich, wenn auch oft recht holzschnittartig, worauf man achten muss.

Kommen wir nochmal auf die Unterschiede zurück. Wie sehen die konkret aus?
Seit etlichen Semestern untersuchen Studenten bei meinem Kollegen Marc Hermeking die Webseiten von Firmen in verschiedenen Ländern. Interessant ist beispielsweise der höhere Bildanteil in High Context- und der höhere Textanteil in Low Context-Ländern.

Was heißt das genau?
Das wollte ich gerade erklären. High Context (HC) bezeichnet Kulturen, in denen die Menschen gut informiert sind und einen intensiven Info-Austausch pflegen. Sie kommunizieren schneller, indirekter und sprechen mehr in Andeutungen.

Bei Low Context-Ländern sind Informationen stark kanalisiert und expliziter. Man ist weniger neugierig und Informationen werden nicht so stark aus dem Kontext herausgelesen.

Welche Folgen hat das für die Webseiten, etwa von Firmen?
Webseiten in HC-Ländern sind tendenziell sehr komplex gegliedert. Die Webseiten in LC-Ländern sind dagegen eher einfach aufgebaut.

Auf Seite 2: Videoconferencing ist für manche eine Qual

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